Irgendwie hatte ich mich hochgeschafft und irgendwie hatte ich den Stuhl wieder hingestellt und irgendwie hatte ich mich wieder gesetzt. Den rechten Ellenbogen hatte ich auf die Theke und das Kinn in die rechte Hand gestützt. Der linke Arm zeigte noch immer keine Reaktionen auf meinen Wunsch, ihn gezielt zu bewegen.
Wie gesagt gibt es bei mir nichts Wertvolles zu holen, das einzige von Wert in meinem Büro, der Rechner, war demoliert. Nur um mir einen Denkzettel zu verpassen, dazu war ich in der letzten Zeit wirklich niemandem zu nahe getreten. Zugegeben, ich bin nicht unbedingt umgänglich. Ich sprech aus, was mir nicht passt. Unsere kleine Stadt geht mir in ihrer Miefigkeit manchmal auf den Keks, das mögen die Ureinwohner nicht, weil unsere Art Humor stark divergiert. Aber nichts von dem, was ich in den
vergangenen Monaten verzapft hatte, würde einen solchen Autritt verständlich machen. Was hatte ich getan? Wem hatte ich geschadet, wen hatte ich derart verärgert? In meinem Geschäft war ich konkurenzlos. Wollte sich da jemand was von meinem Kuchen abschneiden? Meine Güte, da bräuchte mir einer nur die richtige Summe anbieten (ich bin nicht unverschämt, falls Sie jemanden kennen sollten) und ich würd sofort was anderes zu tun wissen.
Mein linker Arm war unbrauchbar, meine Nase hing ähnlich locker im Gesicht, meine Eier waren auf einem schmerzlichen Weg zurück zur Normalgröße und mein Hirn war wirklich nur graue Masse. In solch einer Situation wünsch ich mir einen Autor, der Mitleid mit mir hat, mir einen Zettel in die Hand fallen lässt, auf dem steht, was das alles soll oder zumindest eine Telefonnummer...
Ein Autor, der nett ist und mich nicht auch noch in Unwissenheit hält.
"DU PERVERSES SADISTISCHES ARSCHLOCH"
Oder zumindest einen Freund vorbeischickt, einen von den Raumzeitagenten, der die Situation checkt, mir unter die Arme greift oder mich weckt und alles ist nur ein scheißblöder Traum.
Aber so wie es aussah, würde ich mit dem ganzen Durcheinander selber fertig werden müssen. Ich würde mich selber wieder zusammenflicken müssen, würde selber das Chaos im Büro beseitigen müssen, würde selber rausfinden müssen, was das alles soll und würde selber am Ende angeschissen sein. So würde es aussehen und so würde es ausgehen. Ich habe keine Freunde. Hab ich verpasst, dran zu denken. Hab ich keine gemacht, weil ich nicht weiß, wie man Freundschaften schließt, wie man sie pflegt und weil ich bis gerade eben nicht wusste, wozu sie gut sein sollen. Es gibt auch keine Raumzeitagenten, die im richtigen Augenblick auftauchen und eine Postkarte kaufen und damit den
Lauf des Universums in eine andere Richtung lenken, einen Quinten Qist in die Welt setzen, einen Hitler verhindern oder ihn möglich machen,
Es musste ein Irrtum sein, eine Verwechslung, die falsche Tür, ein ähnlicher Name. Irgendetwas in dieser Art. Das konnte nicht mir gelten, jemand anders war gemeint, es würde sich klären. Jetzt musste ich erst mal mich versorgen, wahrscheinlich würde es ohne Arzt nicht gehen. Fragen mussten beantwortet werden, ohne dass neue Fragen entstanden. Ich stemmte mich hoch und wankte zur Tür. Ich konnte sie öffnen und ich dachte daran, abzuschließen. Ich drehte mich um und da stand er vor mir.
Unverkennbar, auch nach zwanzig Jahren, mit seinem rasierten Schädel. Lächelt mich an. Conny.
Raumzeitagent.
"Was machst du denn für Sachen?" Sagt er und legt seine große Hand auf meine Schulter. "ich wwwww....." dann zuckt eine Schulter (die rechte) dann zuckt es in der Brust, dann fängt der ganze Körper an zu beben und dann zu zittern und dann lehne ich mich an den mächtigen Kerl und heule los, mit Rotz und Wasser, mit allem was dazu gehört und endlich ist einer da, der mich nach Hause bringen kann, mich auf mein Sofa legt, mir das Blut aus dem Gesicht wäscht und mir eine heiße Suppe macht.
Nachdem das tatsächlich alles geschehen ist, kramt Conny ein kleines Döschen aus seiner Reisetasche, fiddelt drei lange, dünne Nadeln raus und piekt sie in mein rechtes Ohr. "Die fallen in fünfzehn Minuten wieder von selber raus. Darfst du keinem von erzählen, in Deutschland muss ich dafür mindestens als Heilpraktiker zugelassen sein. Ich bin aber nur ein bescheidener Zenmönch, der ein wenig über Akupunktur gelernt hat. Ich lass dich jetzt auch für eine Weile allein. Es gibt hier tatsächlich eine Apotheke, in der ich die chinesischen Kräuter bekomme, die du für eine rasche Genesung brauchst. Nicht weglaufen, nicht an den Nadeln rumspielen. Wie gesagt, in fünfzehn Minuten."
Wie diese fünfzehn Minuten rumgegangen sind, ich weiß es nicht. Ich hab einfach nur da gesessen, ohne zu wissen, ob ich nun unglücklich oder glücklich sein soll oder kann, ohne darüber nachzudenken, was geschehen ist und was als nächstes zu geschehen hat. Ich habe nicht gelitten und ich habe nicht gestrahlt. Ich war einfach ruhig, vielleicht wollte ich die Nadeln nicht stören, bis sei einfach - klick,klick,klack - alle drei hintereinander mein Ohr wieder verließen. Es dauerte mindestens noch weitere fünfzehn Minuten, bis Conny wiederkam. Die Nadeln hielt ich in der Hand, ihm hin.
"Und?"
"Was?"
"Den Arm, kannst du ihn bewegen?"
"Hab ich noch nicht ausprobiert."
Ja - dann - - - mach mal."
Ich machte und es ging. Arm hoch und runter, vor und zurück, hin und her. Alle Bewegungen, die man normalerweise mit seinem gesunden Arm nicht macht, probierte ich durch.
"Geht wieder." Diesmal strahlte ich. "Du bist genial."
"Nicht ich, die Methode."
In der Zwischenzeit hatte er Wasser gekocht, welches er gerade über eine Handvoll Grünzeugs in einer meiner Suppentassen goss.
"Muss jetzt zehn Minuten ziehen." Also wir hatten jetzt mal Zeit. Aber Conny hatte es nicht eilig, mich auszufragen oder mir den Grund seines Hierseins zu erklären. Wofür ich ihm dankbar war. Mit meinem Autor hatte ich mich innerlich auch wieder versöhnt.
Inzwischen hatte ich eine anwendbare Handlungfähigkeit erreicht, die sich in einer Platte mit Schinken- und Käseschnittchen, einer geöffneten Flasche Merlot, zwei Gläsern und Charles Aznovour 2000 - gerade läuft Qu'avons-nous fait de nos vingt ans - ausgelebt hatte. Weil wir es beide immer noch nicht nötig fanden, über die jüngste oder fernere Vergangenheit zu reden, blätterte ich mit Links die Post der letzten Tage durch. Eine Telefonrechnung (es ist immer eine Telefon- oder Stromrechnung dabei), ein Angebot für Ökowein im Abo, der sechste Versuch von Bose, mir eines ihr verführerisch schönen SoundDocks zu verkaufen und ein Brief unseres Dezernenten für Umwelt, Grün, Gesundheit, Tiefbau, Entwässerung, Entsorgung und Brandschutz. Er antwortete auf eine Erinnerungsmail an
meine Anfrage, wieso die Stadt von Reisig- auf Bambusbesen umgestiegen sei. Er schrieb mir unter anderem, für den Entsorgungsbetrieb sei bei der Auswahl der Besen nicht in erster Linie von Interesse, wie teuer diese in der Anschaffung sind. Viel mehr seien Reinigungsqualität, Handhabung und Wirtschaftlichkeit, auch im Hinblick auf den Verschleiß und die Kehrleistung, von Bedeutung.

"Die vom Entsorgungsbetrieb derzeit genutzten Bambusbesen wurden zuvor ausgiebig im laufenden Betrieb getestet. Bevor die Entscheidung fiel, wurden auch die Nutzer - also die Straßenreiniger - dazu befragt. Alle Beteiligten haben diesen Besen für gut befunden. Bezogen auf den Stückpreis sind diese zwar teuerer als das Vorgängermodell, jedoch am wirtschaftlichsten, weil sie stabiler sind und dadurch auch länger kehrfähig bleiben. Der Gesamtbedarf an Besen hat sich seither deutlich reduziert."
Na da war ich ja beruhigt. Auf der zweiten Seite des Schreibens wurde mir noch mitgeteilt, dass der Entsorgungsbetrieb mit der hieseigen Behindertenwerkstatt seit Jahren z.B. in der Betreuung der Geschirrmobile zusammenarbeitet. Na Klasse. Es ging mir langsam besser.
Ich schob den Brief zur Seite und Conny sagte, auf den Brief deutend:"Eigentlich bin ich wegen sowas hier."
"Du willst doch nicht etwa Bambusbesen verkaufen? Geht's euch so schlecht im Kloster?"
Er lächelte. Er lächelte eigentlich immer, auch wenn er mich ernst ansah, aber jetzt lächelte er.
"Deine kleinen Schritte nach rechts oder links machen einige Leute nervös. Meist schlechte Menschen, du hast es heute erlebt. Aber auch uns, und wir gehören eindeutig zu den Guten, ist nicht ganz wohl bei dem, was du so treibst."
"Was ich so treibe? Kleine Schritte nach rechts und links? Geht es vielleicht etwas deutlicher?"
"Erstens wissen wir auch nichts genaues und zweitens weiß ich nicht, noch nicht, wieviel ich dir von dem, was wir wissen, erzählen darf." biss in ein Käseschnittchen und ehe ich nachhaken konnte, wer denn "wir" sind, bot er an, morgen Sushi zu machen. "Muss nur die richtigen Sachen dafür einkaufen. Ich bin berühmt für meine Sushi. Hab ich dir eigentlich erzählt, das ich seit zwei Jahren Abt in unserem Kloster bin?"
"Nein, du hast bisher noch garnichts erzählt, sowenig wie ich, der sich zuerst mal bei dir bedanken will. Dich hat der Himmel geschickt."
"Nicht direkt der Himmel, aber du bist schon nah dran." Dabei lachte er, ja er kann auch richtig lachen, nicht nur fortwährend lächeln. Er lacht richtig herzhaft, nicht so'n Gekicher wie beim
Dalai Lama. Also hat das nichts mit der Religion oder dem Meditieren zu tun. Ich glaub, der Dalai Lama ist auch garnicht zuständig für die Japaner. Kenn mich da nicht so mit aus. Wer ist eigentlich bei denen der Papst? Vielleicht der Kaiser, der
Tenno? Soll doch von einem Göttergeschlecht oder so abstammen,
Göttin der Morgenröte, aber ich schweife ab. Wollte doch erzählen, wie schön er, Conny, abschweifen, vom Thema ablenken kann. Wird mit einmal richtig redselig, plaudert von den Jahren im Kloster und der Meditiererei, dass sie Tee anbauen und jeden Tag sechs Stunden in den Gärten arbeiten, ja natürlich auch sechs Stunden meditieren, dann war er später mehr im Büro als bei den Teesträucher, klar spricht er fließend Japanisch und als vor zwei Jahren der Abt gestorben ist, wurde er zu dessen Nachfolger ernannt. Ah da hab ich nicht aufgepasst, von wem. Wahrscheinlich war das deren Oberhäuptling.
"Mit dem Amt des Abtes hab ich auch dessen Brauch übernommen, Freitags eine Armenspeisung vorzunehmen. Ich wusste ja garnicht, dass ich so gute Sushi mache, ich hab da kein besonderes Rezept. Ich mache ganz einfache Sushi. Aber inzwischen bin ich in ganz Japan dafür berühmt. Freitags kommen keine Armen bei uns essen. Der Parkplatz steht voll mit Luxusschlitten. Freitags sind wir im wahrsten Sinne des Wortes ein Gourmettempel. Hahahahaha."
"Stell dir das mal vor. Der erste deutsche Zen-Abt in Japan macht die besten Sushi. Die Leute schmeissen Geld in unsere Bettelschale, du kannst es dir nicht vorstellen. Bei uns gibt es weit und breit keine Armen mehr. Wir haben soziale Projekte angeschoben, Häuser, Schulen eine Klinik gebaut, und es wurde und wird von denen gebaut, die vorher keine Arbeit hatten. Das ganze lockt andere Investoren an. Jetzt will sich ein Chiphersteller ansiedeln. Hahahaha! Fish and Chips. Unfassbar, aber so läuft es, meine Sushi machen aus dem verschlafenen Fischerstädtchen eine Boomtown. Und wir haben es in der Hand, wir behalten die Kontrolle, damit es nicht zum Fraß der Geier wird. Oder wie sagt ihr? Heuschrecken, nicht wahr."
Das ist wohl so, als bekämen wir hier einen schwarzen Kardinal, der den Besten
Zwiebelkuchen macht. Aber mit Zwiebelkuchen lockt man keine Feinschmecker. Das schließt sich gegenseitig aus.
Während er so vor sich hinplaudert, schau ich ihn mir an. Langsam beruhigt sich mein Nervenkostüm und ich finde etwas mehr Kontakt zur Realität. Wie er so dasitzt, in einem schlichten braunen Baumwollanzug, eher sportlich robust als elegant, passend zu seiner kräftigen Statur, der geschorene Mönchsschädel, die großen, kräftigen Hände, das weiche, rundliche Gesicht, sieht er fast so aus wie vor zwanzig Jahren, als ich ihn das letzte Mal sah, am Frankfurter Flughafen, ab nach Japan. Je genauer ich ihn mir anschaue, desto weniger real kommt er mir vor, fast so, als würden seine Konturen ständig verschwimmen. Meine Nase sei nicht gebrochen, hatte er festgestellt, aber anscheinend hatte mein Hirn doch etwas mehr abbekommen, vielleicht von dem Schlag in den Nacken. Hätte ich mich nicht auf seine Arme gestützt, würde ich nicht gleichzeitig auch seine sanfte und doch raumfüllende Stimme hören, ich würde ihn für eine
Fata Morgana halten, eine Luftsspiegelung, eine Sinnestäuschung. Nur beissen Sinnestäuschungen nicht in meine Schinkenbrötchen und trinken meinen Rotwein. Je mehr ich mir das klar mache, desto realer kommt er mir vor, auch wenn meine Augen um ihn herum, und nur um ihn herum, ein Flimmern wahrnehmen wollen. Die restliche Welt ist flimmerfrei.
"Aber ich erzähle und erzähle... was ist mit dir, wie ist es dir ergangen? Gibt es eine Frau ind einem Leben?" Er berührte einen wunden Punkt.
"Es gab eine, ja, war eine längere Geschichte, aber dann haben wir uns auseinander gelebt, wie man so sagt. Ist noch ziemlich frisch, die Trennung, aber es tut nicht so weh wie meine Nase. Die
Hoffnung stirbt zuletzt. Es ist jetzt kälter, aber ruhiger. Winter."
"Jaja, viel Platz hier." Conny blickte sich um in meinem geräumigen Wohnzimmer, dem Essplatz im Erker, Blick in den Garten. Ich hatte das Haus günstig erwerben können. Damals war es in einem erbärmlichen Zustand. Der Vorbesitzer hatte es verkommen lassen und seine Erben konnten sich das Haus einfach nicht leisten. Ein großes Eckgrundstück, direkt am Park gelegen, mit fünf Wohnungen. Ich erzählte, wie ich die Mieter im Erdgeschoss abgefunden hatte, um selber einziehen zu können, wie ich aufwändig renoviert hatte, vieles selber gemacht, stolz zeigte ich auf die Türen, die glatt verputzten Wände, die frisch geölten Holzdielen. "Seit ich nun sicher weiß, dass Mona hier nicht mit mir wohnen wird, denke ich an eine kleinere Wohnung im Dachgeschoss. Ich meine, hier krieg ich ordentlich Miete rein. So ganz umsonst war das Haus nun doch nicht."
So schnell es mein Gesamtzustand zuließ, drehte ich meinen Kopf zu Conny hin. Ich hätte schwören können, aus den Augenwinkeln gesehen, war er fast durchsichtig geworden. Doch wie ich ihn direkt ansah, war alles normal - bis auf das Flimmern.
tonbandprotokoll vom 23. Mai 2006, eingeschaltet 11:30 uhr, abgeschaltet 12:42 uhr.
niederschrift vom 17. juni des selben jahres