Montag, 14. Januar 2008

Die Fermate

"Wie funktioniert Wiedergeburt nicht?" Ich hatte den Faden verloren. Im Radio erzählte einer davon,wie es für ihn die leichtetste Sache der Welt war, nach Belieben die Zeit anzuhalten. Wie es ihm genügte, den inneren Taktstock ein wenig zu heben, und mit einem Ruck war ihr gesamtes Treibgut - die emsigen Straßenbahnen, verhärmten Imbissbuden, die Reklameplakate und das tief sinnlose Gewirbel und Gelärme auf Großstadtplätzen, wie eingefroren; und seelenruhig konnte er in das Tableau vivant hineinspazieren und darin aufgehen, während alles um ihn her stillhielt.*
(*aus: Ein Sonntag des Lebens, von Urs Grünbein, FAZ, 29.Dez. 2007)
Was erzählte der da, was erzählte er meine Geschichte? Ich war sehr, ich war äußerst irritiert.
"Wie funktioniert Wiedergeburt nicht?"
"Es ist nicht die gleiche Geschichte noch einmal, in einer anderen Umgebung zu einer anderen Zeit. Nichts ist gleich, nichts wiederholt sich. Auch das gehört zu den Dingen, für die unsere Sprache nicht geschaffen ist."
"Dann nimm dir jetzt Zeit und hör mir zu.
Es war noch zu der Zeit als ich für Schott arbeitete. Wir waren zu Verhandlungen nach Köln gefahren. Es ging um eine neue Ausgabe des 'Gotteslob', des Gebets- und Gesangbuch der Diözesen und Bistümer. Man dachte ernsthaft an eine gemeinsame Ausgabe. Natürlich wurde nichts daraus. Mit den Katholen verhandeln ist schlimmer als mit der Gewerkschaft, und die sind schon uneins. Die Konferenzen fanden im Sitz des Kardinals in der Marzellenstraße statt, untergebracht waren wir im Kopinghaus, ganz in der Nähe.
War es nun wegen der allgemeinen klerikalen Athmosphäre oder nicht, ich suchte etwas Ruhe und zog mich in eine kleine Kirche nahe des Domes zurück. Kirchen eignen sich nun mal hervorragend für Ruhepausen. Später erfuhr ich, sie heißt St. Andreas und ist einem Dominikanerkloster angeschlossen."
"Ahh! Die Hunde des Herrn." grinste Conny.
"Was meinst du damit?"
"Domini Cani! Egal, lass dich nicht stören, erzähl weiter."
"In der Krypta hat man einen steinernen Sarkophag mit den Gebeinen des Albertus Magnus. Soll, wie der Name schon sagt, ein großer Mann gewesen sein. 13. Jahrhundert.
Dort passierte es zum ersten Mal. Zunächst bemerkte ich es garnicht. Ich saß dort, ruhig, meine Gedanken sortierend, und eine Träne stahl sich aus meinem linken Auge. War es wegen des dämmrigen Kerzenlichtes, war es wegen der Kühle im unterirdischen Raum. Ich wischte sie mit dem Daumennagel weg. Die Kerzen begannen wieder zu flackern. Wie lange sie unbewegt gewesen waren, weiß ich nicht, ich hatte es, wie gesagt, nicht bemerkt.
Es dauerte eine Weile. Den Blick starr in eine Kerze gehalten, kam wieder eine Träne aus dem Augenwinkel. Die Kerzen flackerten nicht mehr. Alles wurde sehr, sehr ruhig. Die Luft war spürbar unbewegt, kein kleinstes Gräusch. Ich konnte mich bewegen, doch wie unter Wasser. Etwas schwerfällig. Ich konnte atmen, doch musste ich tief die Luft einsaugen. Es existierte keine Zeit, der Augenblick war eingefroren. Wie weit? Nur hier unten? Lief oben auf den Straßen das Leben weiter oder hatte ich das gesamte Universum angehalten? Hatte ich überhaupt das Universum oder die Zeit angehalten oder mich in den Augenblick eingeschlossen? Würde es von selber aufhören? Würde ich es beenden oder beendete es mich? Mir wurde kalt."

"Ohne Frage war ich beunruhigt. Etwas sehr entscheidendes war soeben geschehen. Wer wäre da nicht beunruhigt. Ich hatte eine neue, mir, und wahrscheinlich den meisten Mitmenschen, völlig fremde Dimension betreten. Betreten im wahrsten Wortsinn. Und ich wusste nicht zu diesem Zeitpunkt, ob ich diese Dimension je wieder würde verlassen können. Ohne Frage war ich beunruhigt. Deshalb versuchte ich als erstes, wieder raus zu kommen. Selbst auf das Risiko hin, hier nie wieder rein zu kommen, um den Zustand ausgiebig erforschen zu können, wollte ich erst einmal wissen, ob es den Weg zurück gäbe. Ich wischte mir mit dem Daumennagel die Träne weg. Die Kerzen flackerten wieder."
Obwohl Conny noch immer lächelte, so wie er immer lächelte, drang eine fast bedrohlich strenge Ernsthaftigkeit durch seine Mimik. "Warum erzählst du mir das erst jetzt? Warum lässt du mich so lange zappeln? Uns läuft die Zeit davon - auch das im Wortsinn - und du spielst Verstecken."
Das Café war klein und übersichtlich. Wenn man zur Tür hereinkam gab es zur Rechten einen Raum der für drei Tische mit je vier Stühlen Platz bot. Dann, etwas weiter in den Raum hinein, kam die Theke, die L-förmig mit dem langen Schenkel nach hinten zog. Dazwischen blieb Platz für den Durchgang zu den Toiletten, links an der Wand standen vier kleinere Tische mit je zwei Sitzplätzen. An einem davon saßen wir, ich mit dem Rücken zur Tür. Außer uns befanden sich keine Gäste im Lokal. Als sich die Ladentür öffnete, gab es zuerst ein schnarrendes Geräusch, weil die Tür über den Boden schabte, in das sich das Gebimmel eines altmodischen Glöckchens mischte, das oben an der Tür mit einem schmalen Winkeleisen angebracht hatte. Langsam lernte ich, Connys Gemütszustand in seinem Gesichtsausdruck zu lesen. Hohe Aufmerksamkeit, getarnt hinter einem Schleier belustigter Gedankenlosigkeit. Das passte zu meinem etwas doofen Gestammel über nicht wissen, wonach du suchst und klingt ja auch bescheuert, sich in angehaltener Zeit zu bewegen, während Conny völlig selbstverständlich etwas Kleingeld aus der Jackentasche kramte und fünf Euro fünfzig neben seine Kaffeetasse zählte. Das reicht für uns beide und geringes Trinkgeld. Als dann der Kellner zwischen dem neuen Gast, der sich an einen der großen Tische gesetzt hatte, und der Tür stand, um die Bestellung aufzunehmen. erhob sich Conny von seinem Platz, griff meinen Arm, hob mich unmissverständlich hoch und schob mich zum Ausgang.
Wir standen im Nu vor meinem Wagen. Jetzt zeigte sich, wie klug Connys Wahl des Parkplatzes war. Wir konnten ohne rangieren gerade nach vorne losfahren.
"Ich hab schon länger den Eindruck, dass wir beobachtet werden. Anfangs glaubte ich, es sei einer aus der Familie, aber inzwischen habe ich berechtigte Zweifel. Der Beobachter kommt aus dem Kalifenstaat und verfügt über Psi-Kräfte. Ob er zu den Guten oder den Bösen gehört, ich weiß es nicht.
Vielleicht war auch der junge Mann eben in dem Cafè völlig harmlos. Hast du ihn erkannt?"
"Warum sollte ich? Außerdem hab ich ihn kaum gesehen. Es ging alles sehr schnell und der Kellner stand dazwischen."
"Du kanntest das Café nicht, aber es kam dir alles darin irgendwoher bekannt vor. Stimmt's?" orakelte er vom Beifahrersitz. Ich hatte inzwischen mehrmals in den Rückspiegel geschaut, aber konnte keine Verfolger erkennen. Vielleicht war das alles auch nur eine Ausgeburt der Paranoia eines angeblichen Zen-Abts. Vielleicht stand es auch noch schlimmer um ihn.
"Die Welt ist wirklich in großer Gefahr, Alles zerfranselt und verliert an Substanz. Ein gut Teil dessen, was wir für die Wirklichkeit ansehen, wird nur noch aus Erinnerungsfetzen zusammengehalten. Gottseidank schauen die meisten Menschen nie so genau hin.
Dieses schmuddelige kleine Café existiert eigentlich nicht, es besteht nur aus verschiedenen Elementen deiner und meiner Erinnerungen. Wir brauchten schnell einen sicheren Platz, aber ich befürchte, die Gegenseite ist uns näher, als uns lieb sein kann."

Es gab ziemlich wenig Verkehr. Was solls, in dieser kleinen Stadt ist fast immer wenig Verkehr. Er würde nicht einmal auffallen, hätte man nicht ein ausgeklügeltes System von Ampelschaltungen, die immer wieder einen kleinen Automobilkumulus erzeugten. Es war die letzten beiden Tage ziemlich heiß hergegangen. Ich könnte wirklich mal eine kleine Verschnaufpause gebrauchen.
Wahrscheinlich täte es der ganzen Erzählung überhaupt gut, wenn sie etwas epischer wäre, nicht so hektisch, voller action, ständig fällt dem Autor was Neues ein, man kommt garnicht dazu, überhaupt zu verstehen, um was es hier geht. Würden nicht ausführlichere Schilderungen der Szenarien guttun , Beschreibungen der Topfpflanzen auf dem Fensterbrett, der Wechsel des Tageslichts und seine Wirkung auf dem Gesicht einer zufälligen Passantin, Das Gefühl der nackten Füße auf dem frisch gewachsten Holzdielenboden. Die Oberfläche des Sarkophags. Der Geruch von gewachstem Sägemehl, mit dem der Kirchenboden gereinigt wird (Sägemehl, nicht Geruch) Das Spiel der Finger mit tropfendem Wachs einer abbrennenden Kerze, Das wachsende Gefühl der Unruhe, wenn sich langsam, sehr langsam, viel zu langsam das Bewusstsein wieder meldet und die Wirklichkeit sich einschaltet und eine innere Instanz, nennen wir sie Instinkt, mitteilt, dass gerade ein großartiges Ablenkungsmanöver stattfindet. Dass hinter der nächsten Ecke oder von rechts oder von links, egal, dass Gefahr droht. Anscheinend gibt es hier vorerst keine Ruhe, anscheinend darf ich mich nicht in kleine nebensächliche Betrachtungen verlieren, anscheinend ist die Atmosphäre mit Speed vollgepumpt und anscheinend muss ich da durch. Anscheinend muss sich auch andauernd etwas wiederholen, vielleicht soll so ein Rhythmus entstehen, ein herzklopfender beat oder etwas soll sich ins Hirn einhämmern. Dass Gefahr droht. Ich habe den anderen Wagen nicht gesehen. Damit meine ich, dass ich ihn nicht gesehen habe. Nicht, dass ich unaufmerksam war (vielleicht war ich auch unaufmerksam) aber "den Wagen habe ich nicht gesehen" bedeutet: Er war nicht auf der Straße, als ich auf die Straße geschaut habe. Die Straße war leer. Ich habe eine leere Straße gesehen. Zumindest in meinen Augen war die Straße leer, auf was soll ich mich sonst stützen, wenn ich durch die Welt gehe beziehungsweise fahre. Ich kann wohl kaum einfach mal so auf die Bremse treten, weil da ein Wagen sein könnte, den ich gerade nicht sehe. Ich bremse, wenn ich einen Wagen sehe, nicht, wenn ich keinen sehe.
Dann gab es unvermittelt einen Ruck und einen Knall, oder in umgekehrter Reihenfolge oder gleichzeitig. Der Wagen, ein weißer Volvo älteren Baujahrs, drückte sich heftig in die rechte Seite. Mir quoll eine Träne aus dem linken Auge. Es war ein grausiger Anblick. Die eingedrückte Tür der Beifahrerseite berührte gerade Connys Oberschenkel, Glassplitter standen in der Luft rund um sein Gesicht, seine Augen waren in ungläubigem Staunen erstarrt. Der Fahrer des Volvo war anscheinend nicht angeschnallt. Er hing mit eingedrücktem Brustkorb über dem Lenkrad. Mir war nicht klar, ob mein Vorhaben nun funktionieren würde. Nach den bisher erfahrenen Lektionen im zeitlosen Raum dürfte es nicht funktionieren, aber es war unsere einzige Chance. Ich drückte meine Tür auf, zerrte Conny über die Sitze aus dem Auto und auf die andere Straßenseite, immer bedacht, Tränen zu produzieren und keine wegzuwischen.

Wenn ich mich in die Fermate begebe, ich nenne diesen Zustand die Fermate, wissen Sie, was eine Fermate ist? Das ist in der Musik ein Ruhezeichen, nicht eine Pause, sondern das Aushalten, das Innehalten einer Note oder auch einer Pause. Der Moment wird angehalten, darum nenne ich diese Erfahrungen die Fermate. Meist beginnt die Fermate abrupt und klingt dann langsam aus. Ich wusste die erste Zeit nicht, was ich damit anfangen sollte. Die Spanne war auch immer recht kurz, gerade so lang, wie eine Träne über die Wange kullert. Dann lernte ich, die Träne zu erhalten. Dazu ließ ich mir den Daumennagel lang wachsen. So konnte ich mit der Unterseite des Nagels vorsichtig die Träne von meiner Wange schöpfen. Aber auch damit blieb ich noch ziemlich immobil. Was kann man schon unternehmen, während man eine Träne im Daumennagel balanciert? Der entscheidende Trick lag darin, zu lernen, kontinuierlich und willentlich neue Tränen zu produzieren. Ich sag Ihnen, das ist garnicht so einfach. Nun konnte ich so lange ich wollte durch eine erstarrte Welt spazieren, konnte mir Gesichter von Nahem ansehen, Geheimnisse auskundschaften, in fremden Schubladen in fremden Schlafzimmern stöbern. Ich konnte auch Dinge verändern, Menschen an einen anderen Platz stellen, den Männern die Hosen runterlassen oder den Frauen die Röcke hochheben. Doch sobald die Fermate ausklingt, wenn ich sie ausklingen lasse, dann gleitet alles wieder an seinen vorherigen Platz zurück. Das Leben geht weiter, als wäre nichts gewesen. Es ist ja auch nichts gewesen, nichts ist passiert, ausser dass ich durch einen Augenblick spazieren kann, wie durch ein dreidimensionales Foto.

Normalerweise wären wir. Conny und ich, nach der Fermate wieder in mein Auto gerutscht und hätten den Unfall erlitten. Wir wären dann womöglich beide tot, Conny auf jeden Fall, denn der Volvo raste direkt in ihn hinein. Mir musste also was einfallen, um die Situation zu verändern. Wie Sie sehen ist mir was eingefallen, sonst säße ich nicht hier. Um Ihnen das verständlich zu machen, muss ich Ihnen allerdings noch etwas mehr über meine Erfahrungen mit der Fermate erklären. Stellen Sie ruhig Fragen wenn Ihnen etwas nicht klar ist.

Ich hab nichts davon, in anderer Leute Schubladen zu kramen. Das wurde mir schnell klar. Auch Frauen unter den Rock zu schauen oder in intime Situationen einzudringen schien mir nur eine Vergeudung dieser faszinierenden Fähigkeit. In der Fermate ist es absolut still, nichts bewegt sich. Auch keine Luft, auch keine Schallwellen. Ich konnte durch Wasser waten oder gar schwimmen, ohne dabei Wellen zu erzeugen. Ich wurde auch so etwas wie nass, aber doch nicht richtig. Einmal lief ich durch einen Regen. Die Tropfen blieben an mir haften, sodass ein Tunnel meiner Körperform entstand. Es gibt einige sehr paradoxe Erscheinungen. Ich konnte wie gesagt Dinge bewegen. So konnte ich auch eine Klaviertaste anschlagen. Und die Mechanik setzte sich auch fort, der Hammer schlug auf die Seite, aber die Seite begann nicht zu schwingen. Ich probierte es einige Male aus, mit verschiedenen Instrumenten, aber nichts geschah. Doch! Aber ich bemerkte es erst später. Wenn die Fermate ausklingt, rutscht alles wieder in seine Ausgangsposition, auch ich. Was mich schon mal mit rasantem Tempo über sechshundert Meter transportierte, als ich mir die aktive Träne aus Versehen wegwischte. Hochinteressante Erfahrung. Wenn sich alles wieder bewegt, sind auch sofort wieder alle Geräusche da. So merkte ich nicht, dass die Musikinstrumente jetzt ihre Töne von sich gaben, die ich Minuten vorher in der Fermate produziert hatte. Letztlich habe ich aus einer Umkehrung dieses Phänomens meine Methode der Musikzerlegung entwickelt. Das jetzt auch noch zu erklären, dazu haben wir nicht genug Zeit.

Conny lag auf dem Boden, er war leblos wie die ganze übrige Welt um uns herum. Ich klammerte mich an ihn, kroch förmlich mit in seinen Mantel hinein und ließ dann ganz vorsichtig meine Träne auf seine Wange tropfen. Es kam, wie ich es mir gedacht hatte. Einerseits gab es einen starken, fast unwiderstehlichen Sog, der mich in mein sich gerade zum Totalschaden wandelndes Auto zerren wollte, während andererseits - und das fand ich ungeheuer faszinierend, denn so etwas hatte ich ja noch nie erlebt - Conny springlebendig in eine andere, neue Fermate überwechselte, oder in der alten blieb, wie soll man das wissen, mich halbwegs mitzog, wobei mir für wasweißichwielange schwarz vor Augen wurde. Dann riss alles auseinander, ich glaubte schon, nun sei es doch zu spät, produzierte eine neue Träne und fand mich auf der Straße sitzend, während um mich herum wieder alles totenstill war. Es hatte tatsächlich funktioniert. Die beiden Fahrzeuge waren vollkommen ineinander verkeilt. Der Fahrer des Volvo musste tot sein. Tot ist man von vorne wie von hinten gleich. Entschuldigen Sie, das fiel mir nur gerade so ein. Ich war mir nicht sicher, aber er hatte starke Ähnlichkeit mit dem Schönling, der mir die Nase plattgeschlagen hatte.
Was würde gleich mit mir passieren, wenn ich die Träne wegwischte. Würde ich doch in das Fahrzeug gesogen? Aber das wäre ein Zeitparadox, denn dann müsste ich jetzt, dem Zustand der Unfallszene entsprechend, schon schwer verletzt oder sogar auch tot sein. Ich war mir sicher, ich hatte überlebt. Wie Sie sehen, hatte ich recht. Dennoch musste ich allen Mut zusammennehmen, um mir die sowieso langsam trocknende Träne von der Wange zu reiben. Die beiden Wagen rutschten leicht kreiselnd direkt auf mich zu. Es war reiner Reflex, kein Denken, kein Abwägen. Mit drei kompletten Umdrehungen rollte ich aus der Kollisionsbahn, fast unter einen aus der anderen Richtung kommenden Audi. Dann war alles vorbei.
Als nächstes fand ich mich krampfend und heulend am Straßenrand kniend wieder, ein Mann hielt mich an der Schulter, wie blöd ständig wiederholend:"Was haben Sie denn gemacht? Was haben Sie denn gemacht?" Irgendwann antwortete ich:"Einen Unfall." genauso blöd. Da war er zufrieden.
Wo war Conny?
Ich hab mich dann aufgerappelt und bin einfach in eine Richtung gelaufen. Ich stand unter Schock und ich wollte Conny finden. Der musste doch auch in der Nähe sein. Ich lief einfach immer weiter geradeaus. Wirklich, es war keine Fahrerflucht. Als mein Verstand wieder einsetzte, bin ich gleich hierher gekommen. Hab mir ein Taxi angehalten und Polizei gesagt. Erst hat der Depp gedacht, ich wär Polizist und wollte seinen Wagen beschlagnahmen. "Ich Lizenz, ich legal."
"Ich egal, fahren! Los, Polizei!"
Dann hat er's begriffen und jetzt bin ich hier. Bitte! wir müssen Conny finden!


tonbandprotokoll vom 24. Mai 2006, eingeschaltet 9:08 uhr, abgeschaltet 10:18 uhr.
niederschrift vom 18. juni des selben jahres
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