Die Fragen
„Das erklär mir bitte noch mal in normalem Deutsch. Das versteht doch keiner, was du da sagst. Die Welt fällt in den Zustand des Formlosen. Wie war das - Wutschi? Futschi?“
„Genau das ist schon so eine Situation, zu der unsere Sprache, unser normales Deutsch nichts taugt. Warum? Weil unser Konzept von der Welt und unsere Sprache eine Einheit sind. Wir reden, wie wir denken und wir denken, wie wir reden. Du denkst dir die Welt in der dir bekannten Sprache, mit der dir geläufigen Grammatik. Wenn wir beide darin sehr, sehr gut wären, dann könnten wir vielleicht versuchen, es mathematisch auszudrücken, doch ich bin mir auch da nicht sicher.
Für dich hat die Welt irgendeinmal angefangen, mit einem Big Bang oder mit einem Gotteswort, das ist egal. Es gab einmal diesen Anfang von Raum und Zeit. Es gab davor nichts, zumindest nichts, für das du einen Gedanken, eine Vorstellung, geschweige denn ein Wort entwickeln könntest. Es hat einmal angefangen, es wird einmal zu Ende sein. Zwischen dem Anfangspunkt und dem Endpunkt gibt es eine Zeitstrecke, eine Linie, keine breite Bahn, keine Fläche oder gar einen Raum, es gibt eine dünne, gedachte Linie. Auf dieser Linie reihen sich unendlich viele Augenblicke aneinander, jeder ist eine Gegenwart beziehungsweise war eine oder wird einmal eine sein. Jeder Augenblick ist gefüllt von unendlich viel Raum, das gesamte Universum befindet sich immer an genau diesem Punkt der Gegenwart. Wir sehen das etwas anders, aber wie soll ich dir das erklären. Ah, das wirst du verstehen: denk dir die Welt wie einen Ton, einen einzigen Ton, der irgendwo in den Weiten des Universums schon existiert, aber noch nicht in den hörbaren Bereich gedrungen ist. Ach, ich seh schon an deinem Gesicht, das wird auch so nichts.“
Dann erlebte ich Conny zum ersten Mal einen Hauch von unbeherrscht, als er sagte: „Glaub’s mir einfach. Wir müssen was tun, nichts erklären. Ich kann dich auch nicht fragen, ob du dabei bist oder lieber nicht. DU bist dabei!“
Als nächstes erlebte ich eine ungeheuer professionelle Verhörtechnik. Da war nichts boshaftes bei, das dürfen Sie nicht denken. Die Fragen kamen systematisch, waren, klar, einfach, verständlich. Ich hatte nie das Gefühl, auf's Glatteis geführt zu werden. Er war mir immer behilflich, meine Gedanken zu ordnen. Jede Antwort wurde um des richtigen Verstehens willen wiederholt. "Habe ich das so richtig verstanden?" Widersprüche wurden aufgezeigt, nebeneinander gestellt, überprüft, geradegerückt und gelöst. Dieses geschmeidige Gleiten durch meine Hirnwindungen hätte eine Freude, ein Genuss sein können, wäre es nicht so anstrengend gewesen. Das Schlimmste: Es kam nichts dabei raus. Zumindest nichts, was Conny zufrieden gestellt hätte. Er machte sich einige Notizen. "Das müssen wir mal vor Ort recherchieren." oder ähnlichs murmelte er dabei. Es war schon sehr fortgeschrittene Nacht, als er endlich aufgab. "Morgen machen wir weiter."
Wir machten weiter. Erst aber gab es Frühstück. Als ich aufstand und zur Toilette ging, klapperte Conny schon in der Küche. Ich weiß nicht, wo er diese Sachen her hatte, auf keinem Fall aus meinem Kühlschrank. Nachdem ich geduscht hatte, bekam ich eine Miso-Suppe, Reis, sauer eingelegtes Gemüse und gebratenen Fisch. Das hat absolut nichts mit meinem normalen Frühstück gemein (Tasse Kaffee, Scheibe Toast mit Käse, Tasse Kaffe, Tasse Kaffee) ich war auch davon überzeugt, nach einem kleinen Höflichkeitshappen beiläufig Kaffeemaschine und Toaster anzuwerfen. Statt dessen genoss ich die meinem Körper fremden Stoffe, fühlte mich frisch und wach, aber nicht gestopft. Leicht. Wie der Tee, den es hinterher gab. sehr dünn, fast nur heisses Wasser, aber mit deutlichem Gemüsegeschmack. Nicht schlecht, sollten Sie mal versuchen.
Conny konzentrierte sich mit seinen Fragen nun ganz auf die vergangene Beziehung.
"Habt ihr gemeinsam gefrühstückt?" Wer hat den Tisch abgeräumt, was habt ihr mit dem Abfall gemacht, hattet ihr ein Haustier, wenn ihr gemeinsam das Haus verlassen (betreten) habt, wer ist vorgegangen, wer hat aufgeschlossen, wer hat mehr telefoniert, mit wem hat sie lange telefoniert, kennst du diese Freundin, auf welcher Seite hast du im Bett gelegen?"
In diesem Stil, nur viel logischer, fortschreitend, eine Sache voll und ganz einkreisend, in ihr Zentrum vorstoßen, erledigt. Es erinnerte mich an eine dieser sanften asiatischen Kampftechniken, ich hatte so etwas mal gesehen, bei der man um den Gegner herumläuft, ihn einwickelt, hab den Namen vergessen.
Null. Wir entschieden, zu meinem Laden zu fahren, den Umfang der Zerstörungen festzustellen, ob etwas fehlte, etc.
Ich fuhr, Conny meditierte, zumindest hielt ich es für Meditieren, und flimmerte. Nur aus den Augenwinkeln nahm ich es wahr. Wenn ich hinsah - Ruhe.
In der Umgebung des Ladens bemerkten wir keine verdächtigen Bewegungen. Alles schien in Ordnung. Wenn man mal davon absah, das wir uns in einem sogenannten sozialen Brennpunkt befanden, war auch nichts vom nahenden Ende der Welt zu bemerken. Langsam fiel ich wieder vom Glauben ab. Ich schloss auf, trat ein, es stank. Die Ursache hatten wir schnell ausgemacht. In meinem Computer, der etwas schräg auf dem Boden lag, waren einige Kabel und Steckkarten waren ineinandergeschmort. Die Festplatte fehlte.
Das gefiel Conny. Damit tat sich eine Richtung auf. Ich wollte einwenden, dass es eine bewusst falsch gelegte Spur sein könnte, so wie die ganze Verwüstung überflüssige Show war, nur damit ich niemandem glaubhaft machen könnte, ich wüsste nicht, was man bei mir gesucht hatte.
"Neinnein. Die suchen was und sie vermuten es auf deiner Festplatte. Das ist gut. Siehst du? Die Bösen können auch gut sein. Auch wenn sie es nicht wollen."
"Oh, das ist wunderbar," schwärmte Conny,"endlich kommen wir der Sache zumindest ein kleines Stück näher."
Er war nun der festen Meinung, alles habe mit meiner Arbeit zu tun. Wir ließen den Laden so wie er war und fuhren in die Altstadt, um in Ruhe in einem Cafe die Lage zu besprechen. Natürlich ist die Altstadt eine ununterbrochene Halteverbotszone. Ich versuchte den Parkplatz am Graben, aber alles schien voll. Conny wies auf eine Lücke. "Das ist kein Parkplatz. Da kann ich froh sein, wenn ich nur ein Ticket bekomme und nicht auch noch abgeschleppt werde."
Cony bestand regelrecht darauf, ich solle mein Auto dort hinstellen. "Das ist unser Platz. Na los, mach schon."
Ich bin nicht der Mensch, der wegen sowas anfängt zu streiten, schon recht nicht mit einem alten Freund, der nach zwanzig Jahren plötzlich auftaucht, wo mir einer das Büro zusammenhaut, nachdem er mir ein paar gezielte Schläge verpasst hatte. Zur Not zahle ich auch ein Ticket, nur dem dicken Schreiber, dem Abschleppunternehmer, würde ich ungern das Vermögen vergrößern. Ich rangierte den Wagen in die Lücke.
Mein Zeigefinger lag schon wieder auf der Lauer, diesmal, um meinen Vorschlag zur Lokalität zu verdeutlichen, da zog mich Conny, der doch seit zwanzig Jahren in einem japanischen Kloster meditierte, zielbewusst am Arm um die nächste Ecke und um noch eine und dann standen wir vor einem kleinen, völlig durchschnittlichen Cafe, welches ich in all den Jahren noch nie gesehen hatte, von dem ich noch nie jemanden hatte reden hören, welches mir, mit einfachen Worten, völlig fremd war.
"Muss neu sein, kenn ich garnicht."
Nur sah es innen überhaupt nicht neu aus. Oder man hatte einen sehr raffinierten Einrichter beauftragt. Die Wände waren in einem angestaubten Nikotingelb gestrichen. Daran hingen, ebenfalls verräuchert und verstaubt, Bilder von gerade mal so prominenten Film- und Fernsehschaffenden der sechziger und frühen siebziger Jahre, die meisten mit Signatur. Stühle und Tische - es gab zwei große für 4 Personen und 6 kleine für zwei, mussten aus einem ostbelgischen Gebrauchtmöbellager stammen. Die Tische hatten klebrige Marmorplatten, die Stühle waren aus Bugholz, Wiener Cafehaus, In die bauchige Theke aus gekehlten, längs laufenden Leisten, war etwas außerhalb der Mitte eine Scheibe eingelassen, die in ihrer Form dem Schwung der Leisten folgte. Dahinter lag etwas selbstgebackener Kuchen, aber auch Käse und Wurst war zu sehen. Aus einem wahrhaft alten Radio, einem Röhrengerät mit grüner Frequenzanzeige, Wahltasten unter der Senderscala, ein wunderschönes Gerät, Saba, mit hellem Nussbaumgehäuse, sehr gepflegter Zustand, hörten wir Oldies. Al Bano & Romina Power, Marianne Rosenberg, Nina Simone, diese Art Oldies, etwas ungenau eingestellt. In das gelegentliche Rauschen mischten sich hin und wieder undeutliche Stimmen eines anderen Senders.
Als Kind hatte ich oft Stunden vor dem Radio verbracht, welches im Wohnzimmer stand, im guten Zimmer, das normal nicht benutzt wurde. Dann drehte ich an den Knöpfen, suchte auf den verschiedenen Kanälen merkwürdige Informationen. Musik oder Hörspiele interessierten mich nicht. Piepen und Pfeifen, Rauschen und Knattern, überlagerungen von zwei drei Sendern oder die geheimnisvollen, endlosen Durchsagen von Zahlen. Spionagecodes.
Drei, sieben, neuen. Eins, zehn, zwoundzwanzig, zwölf, fünfzehn, drei. Und weiter und weiter, ohne dass ich einen Sinn erkennen konnte. Auch Wasserstandsmeldungen für die Schifffahrt. Revolution # 9
"Wir müssen jetzt herausfinden, was deine Arbeit so gefährlich macht." Ich zuckte hoch. Conny hatte wieder die "Frager" Haltung angenommen. Eigentlich nur etwas aufgerichteter als sonst, aber ungeheuer, fast beängstigend wach.
"Machst du eigentlich auch solche Kampftechniken, Ninja oder so?"
Conny lächelte:"Im Aikido und im Kendo trage ich jeweils den 6. Dan. Im Iaido bin ich Anfänger. Noch lange kein Zatoichi, obwohl ich mir vorkomme, als würde ich wie ein Blinder im Nebel rumstochern.
Also, was machst du?"
"Naja, ich zerlege Musikstücke. So wie ein Metzger das Rind zerlegt. Dann gibts bei mir sozusagen die Filets und die Steaks, die Knochen, die Zunge, die Rippen... was ein Stück Musik so hergibt."
"Mal langsam. Du weißt, von Musik versteh ich so ziemlich garnichts. Sonst hätte ich nicht den Noten-Verlag an dich abgetreten. So war ja auch alles in Ordnung. Ich denke, wir sind beide gut damit gefahren. Bis jetzt. Aber soviel weiß ich doch: Ein Rind ist ein Stück Materie, das kannst du zerlegen. Aber Musik?"
Ich wusste, Conny gegenüber würde ich bald alles sagen müssen, die ganze Gechichte, die volle Wahrheit, so unglaublich sie auch war. Aber noch versuchte ich es mit den einstudierten Phrasen. Ich hatte mein Muster, das bei anderen Menschen funktionierte. Bei Conny würde ich versagen. ich wusste es, aber ich konnte nur so vorgehen.
"Das denkt man so, nicht wahr."Man meint, Musik kann immer und immer wieder von neuem erklingen. Aber das ist schon der erste Irrtum. Es ist immer wieder neu. Einmal gespielt ist wie einmal gelebt, verklungen ist wie gestorben. Wenn ein Stück wieder neu erklingt, so ist es wie eine Wiedergeburt. Damit solltest du dich auskennen."
Aufrecht saß er da, der Herr Kommisar, lächelte, wie immer, vermittelte mir das Gefühl, umzingelt zu sein. Scheiß 6. Dan. Mir war das unangenehm. Ohne wirklich auf mich einzugehen, ohne sich zu rühren, nicht die kleinste Bewegung, machte er auf mich den Eindruck zu nicken, wie: Ja, mach weiter.
"Also, auch mit der aufgezeichneten Musik ist es nicht anders. Nur sind es nicht die Musiker oder genauer die Musikinstrumente, die wir wieder hören, sondern eine CD, einen Verstärker, zwei oder mehr Boxen. Aber es ist immer wieder neu. Wiedergeburt." Ich watete schon bis zu den Knöcheln in Schlick oder Sumpf oder Treibsand. Meine Zunge wollte hinter den Zähnen versteckt bleiben, Die Lippen formten noch tonlos ein paar Worte, das Hirn produzierte immer nur:"Raus, Geh hier raus. Geh doch. Geh..."
Die zweimal 6. Dan hatten mich umzingelt. Freundlich standen sie da, wovor sich fürchten.
"So funktioniert Wiedergeburt nicht."
tonbandprotokoll vom 23. Mai 2006, eingeschaltet 16:00 uhr, abgeschaltet 16:58 uhr.
niederschrift vom 18. juni des selben jahres
„Genau das ist schon so eine Situation, zu der unsere Sprache, unser normales Deutsch nichts taugt. Warum? Weil unser Konzept von der Welt und unsere Sprache eine Einheit sind. Wir reden, wie wir denken und wir denken, wie wir reden. Du denkst dir die Welt in der dir bekannten Sprache, mit der dir geläufigen Grammatik. Wenn wir beide darin sehr, sehr gut wären, dann könnten wir vielleicht versuchen, es mathematisch auszudrücken, doch ich bin mir auch da nicht sicher.
Für dich hat die Welt irgendeinmal angefangen, mit einem Big Bang oder mit einem Gotteswort, das ist egal. Es gab einmal diesen Anfang von Raum und Zeit. Es gab davor nichts, zumindest nichts, für das du einen Gedanken, eine Vorstellung, geschweige denn ein Wort entwickeln könntest. Es hat einmal angefangen, es wird einmal zu Ende sein. Zwischen dem Anfangspunkt und dem Endpunkt gibt es eine Zeitstrecke, eine Linie, keine breite Bahn, keine Fläche oder gar einen Raum, es gibt eine dünne, gedachte Linie. Auf dieser Linie reihen sich unendlich viele Augenblicke aneinander, jeder ist eine Gegenwart beziehungsweise war eine oder wird einmal eine sein. Jeder Augenblick ist gefüllt von unendlich viel Raum, das gesamte Universum befindet sich immer an genau diesem Punkt der Gegenwart. Wir sehen das etwas anders, aber wie soll ich dir das erklären. Ah, das wirst du verstehen: denk dir die Welt wie einen Ton, einen einzigen Ton, der irgendwo in den Weiten des Universums schon existiert, aber noch nicht in den hörbaren Bereich gedrungen ist. Ach, ich seh schon an deinem Gesicht, das wird auch so nichts.“
Dann erlebte ich Conny zum ersten Mal einen Hauch von unbeherrscht, als er sagte: „Glaub’s mir einfach. Wir müssen was tun, nichts erklären. Ich kann dich auch nicht fragen, ob du dabei bist oder lieber nicht. DU bist dabei!“
Als nächstes erlebte ich eine ungeheuer professionelle Verhörtechnik. Da war nichts boshaftes bei, das dürfen Sie nicht denken. Die Fragen kamen systematisch, waren, klar, einfach, verständlich. Ich hatte nie das Gefühl, auf's Glatteis geführt zu werden. Er war mir immer behilflich, meine Gedanken zu ordnen. Jede Antwort wurde um des richtigen Verstehens willen wiederholt. "Habe ich das so richtig verstanden?" Widersprüche wurden aufgezeigt, nebeneinander gestellt, überprüft, geradegerückt und gelöst. Dieses geschmeidige Gleiten durch meine Hirnwindungen hätte eine Freude, ein Genuss sein können, wäre es nicht so anstrengend gewesen. Das Schlimmste: Es kam nichts dabei raus. Zumindest nichts, was Conny zufrieden gestellt hätte. Er machte sich einige Notizen. "Das müssen wir mal vor Ort recherchieren." oder ähnlichs murmelte er dabei. Es war schon sehr fortgeschrittene Nacht, als er endlich aufgab. "Morgen machen wir weiter."
Wir machten weiter. Erst aber gab es Frühstück. Als ich aufstand und zur Toilette ging, klapperte Conny schon in der Küche. Ich weiß nicht, wo er diese Sachen her hatte, auf keinem Fall aus meinem Kühlschrank. Nachdem ich geduscht hatte, bekam ich eine Miso-Suppe, Reis, sauer eingelegtes Gemüse und gebratenen Fisch. Das hat absolut nichts mit meinem normalen Frühstück gemein (Tasse Kaffee, Scheibe Toast mit Käse, Tasse Kaffe, Tasse Kaffee) ich war auch davon überzeugt, nach einem kleinen Höflichkeitshappen beiläufig Kaffeemaschine und Toaster anzuwerfen. Statt dessen genoss ich die meinem Körper fremden Stoffe, fühlte mich frisch und wach, aber nicht gestopft. Leicht. Wie der Tee, den es hinterher gab. sehr dünn, fast nur heisses Wasser, aber mit deutlichem Gemüsegeschmack. Nicht schlecht, sollten Sie mal versuchen.
Conny konzentrierte sich mit seinen Fragen nun ganz auf die vergangene Beziehung.
"Habt ihr gemeinsam gefrühstückt?" Wer hat den Tisch abgeräumt, was habt ihr mit dem Abfall gemacht, hattet ihr ein Haustier, wenn ihr gemeinsam das Haus verlassen (betreten) habt, wer ist vorgegangen, wer hat aufgeschlossen, wer hat mehr telefoniert, mit wem hat sie lange telefoniert, kennst du diese Freundin, auf welcher Seite hast du im Bett gelegen?"
In diesem Stil, nur viel logischer, fortschreitend, eine Sache voll und ganz einkreisend, in ihr Zentrum vorstoßen, erledigt. Es erinnerte mich an eine dieser sanften asiatischen Kampftechniken, ich hatte so etwas mal gesehen, bei der man um den Gegner herumläuft, ihn einwickelt, hab den Namen vergessen.
Null. Wir entschieden, zu meinem Laden zu fahren, den Umfang der Zerstörungen festzustellen, ob etwas fehlte, etc.
Ich fuhr, Conny meditierte, zumindest hielt ich es für Meditieren, und flimmerte. Nur aus den Augenwinkeln nahm ich es wahr. Wenn ich hinsah - Ruhe.
In der Umgebung des Ladens bemerkten wir keine verdächtigen Bewegungen. Alles schien in Ordnung. Wenn man mal davon absah, das wir uns in einem sogenannten sozialen Brennpunkt befanden, war auch nichts vom nahenden Ende der Welt zu bemerken. Langsam fiel ich wieder vom Glauben ab. Ich schloss auf, trat ein, es stank. Die Ursache hatten wir schnell ausgemacht. In meinem Computer, der etwas schräg auf dem Boden lag, waren einige Kabel und Steckkarten waren ineinandergeschmort. Die Festplatte fehlte.
Das gefiel Conny. Damit tat sich eine Richtung auf. Ich wollte einwenden, dass es eine bewusst falsch gelegte Spur sein könnte, so wie die ganze Verwüstung überflüssige Show war, nur damit ich niemandem glaubhaft machen könnte, ich wüsste nicht, was man bei mir gesucht hatte.
"Neinnein. Die suchen was und sie vermuten es auf deiner Festplatte. Das ist gut. Siehst du? Die Bösen können auch gut sein. Auch wenn sie es nicht wollen."
"Oh, das ist wunderbar," schwärmte Conny,"endlich kommen wir der Sache zumindest ein kleines Stück näher."
Er war nun der festen Meinung, alles habe mit meiner Arbeit zu tun. Wir ließen den Laden so wie er war und fuhren in die Altstadt, um in Ruhe in einem Cafe die Lage zu besprechen. Natürlich ist die Altstadt eine ununterbrochene Halteverbotszone. Ich versuchte den Parkplatz am Graben, aber alles schien voll. Conny wies auf eine Lücke. "Das ist kein Parkplatz. Da kann ich froh sein, wenn ich nur ein Ticket bekomme und nicht auch noch abgeschleppt werde."
Cony bestand regelrecht darauf, ich solle mein Auto dort hinstellen. "Das ist unser Platz. Na los, mach schon."
Ich bin nicht der Mensch, der wegen sowas anfängt zu streiten, schon recht nicht mit einem alten Freund, der nach zwanzig Jahren plötzlich auftaucht, wo mir einer das Büro zusammenhaut, nachdem er mir ein paar gezielte Schläge verpasst hatte. Zur Not zahle ich auch ein Ticket, nur dem dicken Schreiber, dem Abschleppunternehmer, würde ich ungern das Vermögen vergrößern. Ich rangierte den Wagen in die Lücke.
Mein Zeigefinger lag schon wieder auf der Lauer, diesmal, um meinen Vorschlag zur Lokalität zu verdeutlichen, da zog mich Conny, der doch seit zwanzig Jahren in einem japanischen Kloster meditierte, zielbewusst am Arm um die nächste Ecke und um noch eine und dann standen wir vor einem kleinen, völlig durchschnittlichen Cafe, welches ich in all den Jahren noch nie gesehen hatte, von dem ich noch nie jemanden hatte reden hören, welches mir, mit einfachen Worten, völlig fremd war.
"Muss neu sein, kenn ich garnicht."
Nur sah es innen überhaupt nicht neu aus. Oder man hatte einen sehr raffinierten Einrichter beauftragt. Die Wände waren in einem angestaubten Nikotingelb gestrichen. Daran hingen, ebenfalls verräuchert und verstaubt, Bilder von gerade mal so prominenten Film- und Fernsehschaffenden der sechziger und frühen siebziger Jahre, die meisten mit Signatur. Stühle und Tische - es gab zwei große für 4 Personen und 6 kleine für zwei, mussten aus einem ostbelgischen Gebrauchtmöbellager stammen. Die Tische hatten klebrige Marmorplatten, die Stühle waren aus Bugholz, Wiener Cafehaus, In die bauchige Theke aus gekehlten, längs laufenden Leisten, war etwas außerhalb der Mitte eine Scheibe eingelassen, die in ihrer Form dem Schwung der Leisten folgte. Dahinter lag etwas selbstgebackener Kuchen, aber auch Käse und Wurst war zu sehen. Aus einem wahrhaft alten Radio, einem Röhrengerät mit grüner Frequenzanzeige, Wahltasten unter der Senderscala, ein wunderschönes Gerät, Saba, mit hellem Nussbaumgehäuse, sehr gepflegter Zustand, hörten wir Oldies. Al Bano & Romina Power, Marianne Rosenberg, Nina Simone, diese Art Oldies, etwas ungenau eingestellt. In das gelegentliche Rauschen mischten sich hin und wieder undeutliche Stimmen eines anderen Senders.
Als Kind hatte ich oft Stunden vor dem Radio verbracht, welches im Wohnzimmer stand, im guten Zimmer, das normal nicht benutzt wurde. Dann drehte ich an den Knöpfen, suchte auf den verschiedenen Kanälen merkwürdige Informationen. Musik oder Hörspiele interessierten mich nicht. Piepen und Pfeifen, Rauschen und Knattern, überlagerungen von zwei drei Sendern oder die geheimnisvollen, endlosen Durchsagen von Zahlen. Spionagecodes.
Drei, sieben, neuen. Eins, zehn, zwoundzwanzig, zwölf, fünfzehn, drei. Und weiter und weiter, ohne dass ich einen Sinn erkennen konnte. Auch Wasserstandsmeldungen für die Schifffahrt. Revolution # 9
"Wir müssen jetzt herausfinden, was deine Arbeit so gefährlich macht." Ich zuckte hoch. Conny hatte wieder die "Frager" Haltung angenommen. Eigentlich nur etwas aufgerichteter als sonst, aber ungeheuer, fast beängstigend wach.
"Machst du eigentlich auch solche Kampftechniken, Ninja oder so?"
Conny lächelte:"Im Aikido und im Kendo trage ich jeweils den 6. Dan. Im Iaido bin ich Anfänger. Noch lange kein Zatoichi, obwohl ich mir vorkomme, als würde ich wie ein Blinder im Nebel rumstochern.
Also, was machst du?"
"Naja, ich zerlege Musikstücke. So wie ein Metzger das Rind zerlegt. Dann gibts bei mir sozusagen die Filets und die Steaks, die Knochen, die Zunge, die Rippen... was ein Stück Musik so hergibt."
"Mal langsam. Du weißt, von Musik versteh ich so ziemlich garnichts. Sonst hätte ich nicht den Noten-Verlag an dich abgetreten. So war ja auch alles in Ordnung. Ich denke, wir sind beide gut damit gefahren. Bis jetzt. Aber soviel weiß ich doch: Ein Rind ist ein Stück Materie, das kannst du zerlegen. Aber Musik?"
Ich wusste, Conny gegenüber würde ich bald alles sagen müssen, die ganze Gechichte, die volle Wahrheit, so unglaublich sie auch war. Aber noch versuchte ich es mit den einstudierten Phrasen. Ich hatte mein Muster, das bei anderen Menschen funktionierte. Bei Conny würde ich versagen. ich wusste es, aber ich konnte nur so vorgehen.
"Das denkt man so, nicht wahr."Man meint, Musik kann immer und immer wieder von neuem erklingen. Aber das ist schon der erste Irrtum. Es ist immer wieder neu. Einmal gespielt ist wie einmal gelebt, verklungen ist wie gestorben. Wenn ein Stück wieder neu erklingt, so ist es wie eine Wiedergeburt. Damit solltest du dich auskennen."
Aufrecht saß er da, der Herr Kommisar, lächelte, wie immer, vermittelte mir das Gefühl, umzingelt zu sein. Scheiß 6. Dan. Mir war das unangenehm. Ohne wirklich auf mich einzugehen, ohne sich zu rühren, nicht die kleinste Bewegung, machte er auf mich den Eindruck zu nicken, wie: Ja, mach weiter.
"Also, auch mit der aufgezeichneten Musik ist es nicht anders. Nur sind es nicht die Musiker oder genauer die Musikinstrumente, die wir wieder hören, sondern eine CD, einen Verstärker, zwei oder mehr Boxen. Aber es ist immer wieder neu. Wiedergeburt." Ich watete schon bis zu den Knöcheln in Schlick oder Sumpf oder Treibsand. Meine Zunge wollte hinter den Zähnen versteckt bleiben, Die Lippen formten noch tonlos ein paar Worte, das Hirn produzierte immer nur:"Raus, Geh hier raus. Geh doch. Geh..."
Die zweimal 6. Dan hatten mich umzingelt. Freundlich standen sie da, wovor sich fürchten.
Wenn der Schüler das Hun Yuan Qi -die ganzheitlich elementare Energie - erlangt hat, was sollte er sich da noch davor fürchten, dass ein Gegner über umfassende Fertigkeiten verfügt.Was einem alles so durch den Kopf gehen kann, das Hun Yuan Qi, noch nie von gehört. Es gab noch einen Weg, Ich könnte hier raus, sehr riskant aber möglich. Mir möglich. Aber Conny gehört zu den Guten, sagte ich mir. Ich würde ihm seine Fragen beantworten. Früher oder später. Also warum nicht früher, warum nicht jetzt.
"So funktioniert Wiedergeburt nicht."
tonbandprotokoll vom 23. Mai 2006, eingeschaltet 16:00 uhr, abgeschaltet 16:58 uhr.
niederschrift vom 18. juni des selben jahres
hagbarth - 13. Jan, 23:38 in Das Firmament


