Samstag, 12. Januar 2008

Das Flimmern

Mir reichte es. Etwas lief hier sehr merkwürdig ab. Einer kommt und verpasst mir ein paar gezielte Schläge. Der gleiche verschandelt mein Büro, das Ausmaß ist noch nicht geklärt. Einer taucht nach zwanzig Jahren genau in dem Moment auf und flimmert. Und wir hocken zusammen und machen Smalltalk. Etwas lief hier sehr merkwürdig ab und mir reichte es. Ich werd jetzt nicht mehr länger Smalltalk machen mit einem, der nach zwanzig Jahren genau in dem Moment auftaucht, wo mir einer das Büro zusammenhaut, nachdem er mir ein paar gezielte Schläge verpasst hatte. Hier lief etwas sehr mwerkwürdig ab und es reichte mir. Wenn einer mit mir Smalltalk macht, der nach zwanzig Jahren genau in dem Moment auftaucht, wo mir einer nach ein paar gezielten Schlägen das Büro zusammengetreten hat. Das Ausmaß ist noch nicht geklärt, aber es flimmert.
"Ich will hier raus!!!!!!!"
"Was?"
"Alles dreht sich im Kreis, es dreht sich und dreht sich und dreht sich....Was willst du hier?"
"Soll ich dich doch lieber in eine Klinik fahren?"
"Wenn das so weiter geht, bin ich bald reif für die Psychatrie. Sag mir bitte endlich, was hier los ist."
"Was hier los ist? Wir stecken mitten im Leben. Im wirklichen Leben. Wenn du dich etwas beruhigst, dann erzähl ich dir alles, was ich weiß und was ich dir erzählen kann. Bitte hab Verständnis, dass es Sachen gibt, über die ich nicht reden kann. Ich meine wirklich und wahrhaftig:'Nicht kann.' Nicht, dass ich es nicht erzählen wollte oder dürfte. Es geht teilweise um Phänomene, für die unsere Sprache nicht gemacht ist."
Langsam wurde es ruhiger. Die Wände wurden stabil und hörten auf, sich zu verbiegen, der Fußboden bekam seine ebene Fläche zurück, das Bestiarium zog sich zurück in die Ritzen und Spalten, aus denen es gekrochen war. Die Zeiger der Wanduhr drehten sich nicht mehr rasend gegeneinander. Die Welt wurde wieder zur Welt, so wie ich sie kannte, zu der Welt, in der ich gewohnt bin, zu leben.
Ich goss mir Wasser in mein Glas, ging dann aber erst mal zur Toilette, pinkelte und schüttete mir mehrere handvoll kaltes Wasser ins Gesicht. Dann spürte ich Kälte am ganzen Körper, kein Wunder, ich war klatschnass geschwitzt. Ich zog mich aus, stellte mich unter die Dusche, ließ wechselnd heißes und kaltes Wasser über mich laufen, bis es mir deutlich besser ging. Dann holte ich mir frische Kleidung, eine Jogging Hose und einen weiten Pulli und ging zurück ins Wohnzimmer. Conny saß auf dem Sofa, mit leicht geschlossenen Augen, kerzengerade, flimmerfrei.

Darf man sich räuspern in Gegenwart einer meditierenden Person, um auf sich aufmerksam zu machen? Muss ich mich jetzt möglichst still hinsetzen und schweigend warten, bis Conny aus seiner Versenkung steigt? Ich hab keine Ahnung vom meditieren und weiß beim besten Willen nicht, wie ich mich zu verhalten habe. Gibts da schon einen Knigge? Conny öffnet langsam die Augen und schaut mich direkt und hellwach an:"Meditation ist keine Weltflucht, es ist hier und jetzt. Entschuldige, wenn ich dich in Verlegenheit gebracht habe." Ich glaube, mich soweit im Griff zu haben, nicht blöd baff das Maul offen hängen zu lassen und vor mich hinzustarren, wenn jemand anscheinend meine Gedanken lesen oder hören kann.
Doch mit einmal bekam ich die fürchterliche Angst, einem hochkarätigem Schwindel aufzusitzen, einem Betrug, von dessen Absicht ich noch keine Ahnung hatte. Ein abgekartetes Spiel, in dem ich womöglich auch nur ein Mittel zum Zweck wäre. Wurde ich hier gerade auf sehr elegante Weise aufs Kreuz gelegt?
Bis zu diesem Moment hatte ich die Redewendunbg "aufs Kreuz legen" immer auf den Rücken bezogen, jetzt begriff ich es christlich; als sollte ich gekreuzigt werden. Ein Opfer, wofür?
"Wie wird man eigentlich in eurer Kirche -kann man dazu Kirche sagen? - oder Orden, wie wird man da zum Abt?"
"Orden wäre besser als Kirche, obwohl wir uns selbst eher eine Schule nennen. Es hat etwas mit Jacken zu tun. Das ist alte Tradition. Der Zen-Buddhismus kommt ursprünglich aus China, dort heißt er Chan. Auf Chinesisch heißt Jacke witziger weise 'Jiake', aber das ist nur ein Zufall. Die beiden Schriftzeichen, aus denen sich das Wort zusammensetzt, 'Jia' und 'Ke' bedeuten auch 'Der Erste, der sich selbst überwindet'. Oft gab in der Geschichte ein Meister, wenn er alt wurde und sich zurück zog, seine Jacke an einen Schüler weiter. Damit war der Fall dann klar. Wenn aber der Meister verstirbt, ehe er seine Jacke weitergeben konnte, müssen die Schüler selbst einen aus ihrern Reihen erwählen. Mein Meister hatte mir schon in meinem dritten Jahr im Kloster eine Weste geschenkt. Damals wusste ich noch nichts über die Bedeutung. Es war eine Jacke ohne Ärmel. Ich war auserwählt, hatte aber noch keine Handlungsfähigkeit. Nach seinem Tod haben die Schüler beraten, ohne dass ich davon etwas bemerkte, dann gab mir einer die gelbe Jacke des Abts.
Ich glaube nicht, dass dich diese Geschichte beruhigt und mich legitimiert. Es gibt kein Dokument, welches du überprüfen könntest. Du musst mir glauben."
"Alles klar, tut mir leid, aber jetzt bitte, sag mir endlich was du weißt oder transferier es mir direkt telepathisch ins Hirn. Aber los jetzt, ich hab lange genug gewartet."
Gut ich sag es dir, denn telepatisch funktioniert das nicht in diese Richtung. dazu hast du nicht die Qualifikation.
Ich weiß auch nicht sehr viel, aber irgendetwas bringt das Gleichgewicht der Kräfte durcheinander, die Balance von Yin und Yang. Ihr spürt das auch schon an Hand des Klimawandels, aber ihr habt keine Ahnung, womit es zusammenhängt. Jedenfalls nicht mit CO2. Schon eher mit dir. Ziemlich sicher mit dir, aber wieso und was genau los ist, was du machst, damit es kippt, keine Ahnung. Um das rauszufinden bin ich hier."

"Ich muss wissen, was du tust. Alles. Du machst das nicht absichtlich, soviel ist mir klar, aber es ist gefährlich. Du glaubst garnicht, wie gefährlich."
Mein Gesichtsausdruck war mit Sicherheit sehr, sehr ungläubig. "Ich mach etwas gefährliches, hab ich das richtig verstanden? Ich geh nicht mal bei rot über die Straße, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist."
"Woran du gut tust."
"Was verstehst du unter gefährlich? Gefährlich für wen oder was. Du hast den Klimawandel erwähnt, Meinst du allen Ernstes, ich sei für den Klimawandel verantwortlich?"
"Oja, und für noch viel mehr. Es geht um das Universum. Um alles, was existiert. Es geht um das Ende der Welt, wenn uns nicht rechtzeitig was einfällt."
Conny hatte eine überzeugende Ernsthaftigkeit und gleichzeitige Gelassenheit, was mich davon abhielt, mit dem Zeigerfinger an die Stirn zu tippen. Aber der Zeigefinger lag auf der Lauer.
"Es ist der Schmetterlingseffekt. Irgendeine Kleinigkeit kann es sein, die von dir ausgeht und genau in die richtige, beziehungsweise falsche Strömung kommt und Auflösungstendenzen provoziert. Ob das deine Beschwerdebriefe und Mails sind, mit denen du von der Stadt-Verwaltung bis zum Bundeskanzleramt Beamte beschäftigst, ehrlich gesagt glaub ich es nicht, aber ich muss es prüfen. Beamte machen untereinander auch nichts anderes, sie beschäftigen sich gegenseitig mit lästigen Anfragen, Beschwerden, Klageandrohungen und was weiß ich. Doch es kann sein, dass du an einem entscheidenden Knopf drehst.
Vielleicht hat es auch was mit deiner beendeten Beziehung zu tun, mit deinem Business, ich weiß es nicht, aber ich finde es raus. Hoffentlich rechtzeitig."
"Aber was passiert denn die ganze Zeit, was du oder ihr und auch noch die unbekannten Anderen beobachtet, was mir und anscheinend den meisten Mitmenschen entgeht. Es wird über den Klimawandel geredet. Es gibt ein Islamproblem. Es klickert und klackert an einigen Ecken des Planeten, aber das hat es immer getan. Damit ist das Universum doch nicht in Gefahr."

Conny war aufgestanden, hatte sich gestreckt und nun wanderte er mit seinem Glas in der Hand über meinen schilfgrünen Teppich. Ruhig, bedächtig, mir zuhörend, ohne ein Zeichen von Ungeduld oder Tatendrang. Wenn es wirklich so ernst war, wie er behauptete, dann würde er ein zuverlässiger Partner sein im Kampf gegen das Böse. Selbst wenn es von mir ausging.
"Nein, nein. Nichts Böses, nur die Wirkung ist zersetzend. Du kennst das Taijitu oder Yinyang Symbol. Der Kreis mit den beiden Tropfen. Wenn das die Beschreibung der Welt in ihrem harmonischen Gleichgewicht ist, dann beginnt gerade die geschwungene Trennungslinie zwischen Yin und Yang zu flimmern. Die Übergänge werden unscharf. Wenn wir den Prozess nicht aufhalten und wieder umkehren können, fällt die Welt in den Zustand des Wuji, des Formlosen."
Mein Zeigefinger war in den Zustand staunender Entspanntheit verfallen. Meine Kinnlade tat es ihm gleich.

tonbandprotokoll vom 23. Mai 2006, eingeschaltet 14:22 uhr, abgeschaltet 15:15 uhr.
niederschrift vom 17. juni des selben jahres
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